Wegbereiter der Detentè

Während alle Welt, hier vor allem der deutschsprachige Teil, über den Tod von Robert Enke spricht ist der Tod eines anderen Menschen nur eine Fußnote in den Nachrichten. Gestern ist Pierre Harmel, ehemaliger belgischer Ministerpräsident, 98-jährig verstorben. Pierre Harmel mag dem einem oder anderen in aber einer anderen Funktion bekanntgeworden sein. Er verfasste 1967 den Harmel-Bericht. Dieser Bericht sollte den Ausgangspunkt für die Neuausrichtung der NATO in den siebziger Jahren bilden.

Wenige Jahre zuvor hatten die abertausenden Nuklearsprengköpfe die Welt in der Kubakrise gerade erst an den Rand des Atomkrieges gebracht, ihre Abschreckungsfunktion wurde immer mehr in Zweifel gezogen. Die Strategie der „Massiven Vergeltung“, jede Aggression mit einem massiven Atomschlag zu beantworten, war eigentlich indiskutabel geworden.

Der nach der Beendigung der Kuba-Krise einsetzenden Entspannungsprozess sowie das Ausscheiden Frankreichs aus den militärischen Strukturen der NATO, verbunden mit einem überraschenden Besuch von de Gaulle in Moskau, lösten im Bündnis heftige Diskussionen über dessen zukünftige Rolle in einer multilateralen Sicherheitsarchitektur aus.

Harmel löste mit seiner Studie, umfangreiche Konsultationen zwischen den 14 Mitgliedsländern aus. Das war ein Novum, bis dahin hatten die westlichen Siegermächte allein die Haltung des Bündnisses bestimmt. In dieser Zeit konnte Willy Brandt, in seiner Funktion als Außenminister der großen Koalition, seine neue Ostpolitik auf NATO-Ebene vorbereiten.

Am Ende diverser Studien und Übungen wurden dann zwei Säulen definiert auf denen die NATO in Zukunft stehen sollte: Militärische Stärke und Entspannung. Diese Säulen scheinen sich nur auf den ersten Blick zu widersprechen denn die Säule der militärischen Stärke wurde neu definiert. Zukünftig sollte nicht mehr der massive Atomwaffeneinsatz die Folge eines Eintretens des Bündnisfalles sein sondern eine auf die Bedrohung abgestimmte „Flexible Response“. Damit war der Automatismus des Kubrickschen „Weltzerstörungsknopfes“ außer Kraft gesetzt.

Die Entspannung sollte vor allem in der deutschen Frage erreicht werden, die Harmel-Studie legte dafür den transatlantischen Grundstein. Brandts Außenpolitik konnte nur unter diesen Bedingungen tatsächlich wirksam werden.

Die NATO konnte mit dieser strategischen Neuausrichtung den französischen Zweifeln an ihrer Relevanz begegnen und wandelte sich vom reinen Militärbündnis in ein politisches Gremium mit militärischer Funktion. Vor Allem wurde es damit allen Mitgliedern ihrerseits ermöglich ihre Verbindungen zu den Staaten des Warschauer Vertrags bilateral zu vertiefen, aus diesen Kontakten entstand dann die Idee der KSZE. Deren Wirkung auf die Blockkonfrontation und die deutsche Frage kann nicht überschätzt werden.

Pierre Harmel hat somit einen großen Beitrag zu einer europäischen Sicherheitsarchitektur geleistet die nicht am Eisernen Vorhang endet. Auch wenn sein Tod keine kollektiven Emotionsbekundungen verursacht sollte man seiner wenigstens kurz gedenken.

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Stefan Lorenz