Geschichte im Internet Teil II

Link zum ersten Teil

In den letzten Tagen bin ich dann auf noch ein paar mehr Angebote gestoßen. Hervorheben möchte ich dabei das Projekt UrMEL. Es handelt sich dabei mitnichten um eine Kinderfigur aus dem Eis, sondern um ein Projekt der Universitäts- und Landesbibliothek Thüringen. Es bedeutet University Electronic Multimedia Library und soll vor allem die elektronischen Publikationen einfacher auffindbar machen.

Beim Stöbern bin ich über “Minuteman” gestolpert, die Regimentszeitung des 304th Infantry Regiment der US-Army. Dieses Regiment wurde im Zuge der Aufrüstung nach dem Kriegseintritt der USA 1942 wieder aufgestellt und kämpfte sich bis nach Thüringen durch. Nach dem Potsdamer Abkommen zog die Army aus diesem Gebiet ab und übergab es an die Rote Armee. Von dieser Zeitung sind dementsprechend wenige Ausgaben in Thüringen erschienen, die Innenansichten eines amerikanischen Verbandes während der Besatzung sind jedoch selten in Deutschland verfügbar.

Des Weiteren hat mich HSK noch auf ein britisches Projekt zur Erforschung des Mauerfalls aufmerksam gemacht: “After the Wall” ist ein Akademikernetzwerk, dass sich vor allem die “Erforschung der Rekonstruktion der DDR” zum Ziel gesetzt hat.  Im Fokus der Betrachtung steht die Erinnerungskultur nicht das Erinnern selber. Neben Veranstaltungen zu Alltags- und Erinnerungskultur steht der akademische Austausch ganz oben auf der Agenda.

Außerdem interessant ist der Blick von außen auf den Einigungsprozess, Großbritannien stand ja unter Margaret Thatcher einer deutschen Einigung eher skeptisch gegenüber.1 Die britischen Wissenschaftler schauen also unter Umständen dann doch mal etwas genauer hin. Die Seite hat auch gerade einen “Call for Paper” für die nächste Konferenz in Bangor gestartet, es werden Beiträge vor allem zu Erinnerungskultur gesucht, darüber hinaus sind jedoch auch alle anderen Beiträge zur DDR-Geschichte willkommen.

  1. Vgl. dazu ihre Memoiren: Downing Street 10
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Stefan Lorenz

Die Revolution kam auf leisen Füßen

Vor allem in den Tagen des zwanzigjährigen Jubiläums des Mauerfalls wird immer wieder der Begriff der Revolution für den Umbruch in der DDR verwendet. Der Begriff ermöglicht es komplizierte Umwälzungsprozesse zeitlich und inhaltlich in ihrer Komplexität zu reduzieren. Gleichzeitig versperrt er aber den Blick auf die Ursachen, der Prozess der politischen Umwälzung in der DDR wird von einer langsamen Delegitimation der herrschenden Klasse zu einer plötzlichen Eruption des Volkszorns gemacht.

Wenn man historische Prozesse so betrachtet verfällt man schnell der Versuchung das Ende apologetisch vorwegzunehmen. Alle Ereignisse die der Revolution vorgelagert waren, werden nur aus dem Blickwinkel derselben betrachtet. Damit vergibt man sich selber die Chance zu einer neuen Sichtweise der Ereignisse zu kommen. Das Geschichtsbild verdichtet sich zu einer Kausalkette mit zwangsläufigem Ausgang.

Derartiges gilt auch für die Ereignisse die zum Ende der DDR geführt haben. Die Gesellschaft des real existierenden Sozialismus hatte sich schon lange von der Avantgarde des Sozialismus, der Partei, entfernt. Nachdem die „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ in den siebziger Jahren kurzfristig für bescheidenen Wohlstand aus der Druckerpresse gesorgt hatte, schrumpfte die reale Wirtschaftsleistung spätestens seit Beginn der achtziger Jahre. Damit standen jedes Jahr weniger Investitionsmittel zur Verfügung, die Abwärtsspirale drehte sich immer schneller.

Gleichzeitig ignorierte die Partei- und Staatsführung die Entspannungstendenzen die von der KSZE, der Schlussakte von Helsinki und den Abrüstungsverhandlungen zwischen den USA und den UdSSR ausgingen. Die betont aggressive Rhetorik gegen den Imperialismus verlor damit immer mehr an Glaubwürdigkeit. Währenddessen wurde das System der Wehrerziehung und –ausbildung immer mehr perfektioniert und entfremdete durch seinen real erfahrbaren Zwangscharakter immer mehr junge Menschen vom Arbeiter- und Bauern Staat.

Es handelte sich also nicht um einen spontanen Ausbruch von zivilem Ungehorsam sondern um langfristige Entwicklungen deren Ausgang nicht vorhersehbar war. Gleichzeitig verschwinden durch die Revolutionsdarstellung aber die vielen Namenlosen die ihren Opportunismus gegen das System nicht auf tausende Demonstranten stützen konnten. Wer erinnert denn in diesen Tagen an Dietrich Bonhoeffer oder die Mauertoten, die vielen Namenlosen die für Widerspruch und kritische Fragen in den Gefängnissen der Stasi saßen oder die die keinen Job gefunden haben weil sich geweigert haben in der Wehrausbildung zu Schießen oder die Aggressivität des Imperialismus in Zweifel gezogen haben?

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Stefan Lorenz