Geld allein macht nicht glücklich

Gestern bin ich durch Ben auf einen Artikel gestoßen worden indem sich der Autor um eine Bilanz des Wirkens von Ursula von der Leyen bemüht. Neben vielen Punkten in denen mir der Autor aus der Seele gesprochen hat, fiel mir dann doch dieser Satz ins Auge:

Auch blöd, daß die meisten überhaupt nicht in den Genuß der 1.800 EUR kommen. 70 Prozent der Elterngeld-Antragsteller müssen mit 750 EUR oder noch weniger Elterngeld auskommen. Knapp die Hälfte erhält gar nur den Mindestsatz von 300 EUR. Hier war das Elterngeld von Anfang als Ungerechtigkeit aufgebaut. Ganz wenige Vielverdiener erhalten bis zu 1.800 EUR, die meisten erhalten wie vorher auch nur 300 EUR.1

Nicht das ich seine Zahlen2 anzweifele, vielmehr geht es mir um den suggestiven Unterton der hier mitschwingt. „Ungerechtigkeit“ und „wenige Vielverdiener“ beschwören schon von ganz allein wieder mal eine Neiddebatte herauf. Ja, natürlich bekommen nur wenige den Höchstsatz, dafür ist es auch ein Höchstsatz und kein Mindestsatz geworden. Das 70% der Antragssteller nur bis zu 750 Euro bekommen liegt doch nicht am Gesetz, sondern an den niedrigen Einkommen der Antragssteller. Was ist außerdem falsch daran, dass Menschen mit hohem Einkommen dementsprechend hohe Zuwendungen bei Verdienstausfall bekommen? Sie tragen ja während ihrer Erwerbstätigkeit über Sozialabgaben und Steuern auch überdurchschnittlich zum Sozialstaat bei.

Diejenigen auf die das Gesetz abzielte, Frauen mit hohen Einkommen, verfügen aber über den Intellekt nicht nur staatliche Transferleistungen bei einer solchen Entscheidung ins Auge zu fassen, sondern auch das gesellschaftliche Umfeld und die Möglichkeiten zum Wiedereinstieg in ihren alten Beruf. So lange Kinderbetreuungseinrichtungen stärker rationiert werden als Brot im Winter 1946/47 3wird es fast unmöglich flexibel wieder in den Berufsalltag einzusteigen. Wer soll denn vernünftig arbeiten wenn die Krippe von 08:30 bis 13:00 Uhr geöffnet hat? Da hat wieder keiner den Weg zur Arbeit einberechnet, geschweige denn Vorbereitungszeit oder abweichende Arbeitszeiten. Soll das Kind dann eine Stunde vor der Kita warten wenn die Mama erst um 14:00 Uhr von der Arbeit kommen kann?

Das Elterngeld unterstützt ganz klar die Zementierung klassischer Rollenmodelle, es werden vor allem Familien unterstützt die sowieso nur einen eigentlichen „Ernährer“ haben. Zusammen mit Ehegattensplitting und Kindergeld werden hier Transferleistungen erbracht die eine Wiederaufnahme der Erwerbstätigkeit dementsprechend unattraktiv machen, da es unter dem Strich finanziell lukrativer ist wenn die Frau nicht wieder arbeiten geht.4 Die Forderung nach einem Betreuungsgeld für daheim erziehende Mütter, vor allem aus den Reihen der CSU erhoben, passt sehr gut in dieses Modell.

Das Elterngeld kann also nur ein Teil eines Konzeptes zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sein, viel wichtiger wäre eine echter politischer Wille zur Aufgabe des klassischen Familienmodells. Dann wird auch die Quote derjenigen ansteigen die mit einem Einkommen von über 2800€ monatlich Elterngeld beantragen.5 Dieser Wille wird aber nicht entstehen so lange mit jeder Transferleistung die Erwartungshaltung einhergeht, dass fast alle den Höchstsatz bekommen.

VN:F [1.9.3_1094]
Rating: 0.0/5 (0 votes cast)
Getaggt mit:
 
Stefan Lorenz

Baden im Milchsee

 

Der Chef des Bundesverbandes deutscher Milchviehalter, Romuald Schaber war mit seiner Mission im Kanzleramt heute nur mäßig erfolgreich. Man konnte sich nur darauf einigen die Erhöhung der Milchquote bis 2015 zu stoppen. Wer in diesen Tagen durch den ländlichen norddeutschen Raum fährt findet allenthalben Plakate die auf die prekäre Situation der Milchviehhalter hinweisen sollen, mit bundesweiten Aktionen versuchte man bereits öffentliche Unterstützung für einen höheren Milchpreis zu erwirken. Die deutschen Verbraucher ließen sich davon aber nicht beeindrucken, sie kaufen trotzdem ihre Milch beim Discounter. Laut Bauernverband und Bundesverband Deutscher Milchviehhalter sind eben jene Discounter auch die Ursache für diesen Preisverfall. Die Molkereien beteiligen sich angeblich auch noch an diesem perfiden Geschäft.

Irgendwie scheinen alle an dieser Situation beteiligten aus den Augen verloren zu haben, dass es vor allem ein Überangebot an Milch ist, welches die Preise automatisch bei Erhöhung der Milchquote fallen lässt. Die Milchreferenzmenge wie sie in der EU-Sprache heißt wurde bereits Mitte der 80er eingeführt um den europäischen Markt vom Weltmarkt abzuschotten. Die Milchbauern der EG und später der EU waren nämlich damals schon zu teuer. In den früheren Zeiten hat man mit der Agrarmarktordnung noch über Stützungskäufe und Einfuhrquoten den Milchpreis stabil gehalten, später dann nur noch durch die künstliche Angebotsbegrenzung.

Doppelt negativ

Daraus ergeben sich für den EU-Haushalt gleich doppelt negative Folgen: Die Produktion innerhalb der EU wird künstlich gestützt und mit einer Preisgarantie versehen, die bereits subventionierten Produkte werden dann zu überhöhten Preisen aufgekauft und dann günstig als Entwicklungshilfe in die Dritte Welt verschifft. Mit dieser defensiven Bestandsgarantie wird die Überproduktion festgeschrieben und akzeptiert.

Diese Handelshemmnisse erzeugen jedoch auch auf dem Weltmarkt Verwerfungen. Durch die künstlich günstigen Agrarprodukte aus Europa wird es für viele afrikanische Bauern unwirtschaftlich selbst Nahrungsmittel anzubauen. Selbst wenn sie einer Überproduktion erwirtschaften, können sie diese nicht nach Europa exportieren, die Einfuhrquoten verhindern dies. Die Staaten, die als einziges Exportgut ihre Agrarerzeugnisse haben werden so künstlich in ein Abhängigkeitsverhältnis gegenüber der EU gedrängt.

Exit?

Man muss kein Wirtschaftsexperte sein um zu erkennen, dass die Subventionen auf Dauer nur rausgeworfenes Geld sind. Damit werden Strukturen künstlich am Leben erhalten die sonst so gar nicht mehr vorhanden wären. Eine Exit-Strategie wäre die sofortige Einstellung aller Subventionen und Abbau der Handelshemmnisse. Der Milchpreis würde wohl in den Keller fallen und mindestens 70% der europäischen Höfe unrentabel werden. Die Proteste der Bauern in Frankreich und Italien würden wohl eine neue Qualität erreichen und auch in Deutschland wird es wohl nicht bei Unmutsbekundungen im Kuhstall bleiben. Man könnte diesen Absturz aber aus einem Sonderfonds finanzieren der dann allen aktiven Bauern eine Rente zahlt. Diese Rente läuft dann naturgemäß irgendwann aus. Neubauern werden dann nur noch Höfe führen die rentabel sind und die Lebensmittelpreise in Europa würden wohl noch einmal deutlich sinken. Die freiwerdenden EU-Mittel könnte man in Infrastruktur, Bildung und Forschung verwenden umso allen bessere Berufsperspektiven zu bieten. Dann würde man das Geld wenigstens investieren anstatt es zu verbrauchen. Dann würde man auch den Bauern der Dritten Welt die Chance geben sich und ihre Familien zu versorgen.

Update: Der Deutschlandfunk hat in einem seiner Hintergrundberichte eine sehr differenzierte Darstellung des Problems gesendet. Vor allem die Tatsache, dass hinter dem Verteidigen der Milchquote knallharte wirtschaftliche Interessen der Pächter und Verkäufer der Quote stehen führt die jüngsten Proteste in Luxemburg erneut ad absurdum.
D-Radio: Abschied von der Planwirtschaft

 

Quellen:

http://www.dw-world.de/dw/function/0,,12356_cid_4753322,00.html
http://de.wikipedia.org/wiki/Milchquote
http://de.wikipedia.org/wiki/Agrarmarktordnung
http://www.3sat.de/dynamic/sitegen/bin/sitegen.php?tab=2&source=/boerse/magazin/86858/index.html
http://bonner-presseblog.de/2008/04/28/bonn-ard-berichtet-uber-folgen-der-eu-agrarsubventionen-in-afrika/

VN:F [1.9.3_1094]
Rating: 0.0/5 (0 votes cast)
Stefan Lorenz
Page 6 of 6« First...23456