Die Mission Schönbohms

Jörg Schönbohm hat in einem Interview gefordert das man die christlichen Werte vor allem Ostdeutschland wieder stärker fördern sollte, genauer hat er gesagt das man damit vor allem der “Verwahrlosung und Entbürgerlichung” in Ostdeutschland bekämpfen soll. Der General a.D.  und Innenminister des Landes Brandenburg hat damit wohl mehr als nur fehlendes Taktgefühl bewiesen, er hat vor allem absolut herablassend alle Ostdeutschen als Bürger zweiter Klasse bezeichnet.

Irgendwie erschließt sich mir der Zusammenhang zwischen Religion und Demokratie nicht, und auch nicht wieso die politische Indoktrination und die kirchenfeindliche Politik des DDR-Regimes irgendwie eine angebliche Verwahrlosung gefördert haben.

Meiner Meinung nach ist Religion Privatsache und hat nichts mit einem Demokratieverständnis zu tun. Dier vom Minister angesprochene Verwahrlosung kann man wohl eher der gescheiterten Politik in den neuen Länder zur Last legen. Menschen die viel Hoffnung in die Wiedervereinigung gelegt haben sind nicht mitgenommen worden in das neue politische System, der Verlust ihrer Arbeitsplätze und Verfall kommunaler Strukturen hat den Prozess der Entfremdung noch beschleunigt. Dieser Prozess ist aber nicht auf Ostdeutschland beschränkt, in den ländlichen Gegenden der Bundesländer Niedersachsen oder Bayern gibt es sicher Dörfer die eine ähnliche Sozialstruktur aufweisen und deren Bewohner genau soviel mit bürgerlichen Werten anfangen können!

Außerdem ist Religion eine sehr undemokratische Einrichtung oder hat einer der “Laien” der katholischen Kirche schon mal an der Papstwahl teilgenommen? Das Christentum als Garanten des bürgerlichen Europa hinzustellen ist ist an sich schon vermessen, schließlich hat erst die Aufklärung und die Befreiung des Denkens vom christlichen, insbesondere katholisch geprägten Duktus den Aufstieg Europas ermöglicht und die bürgerliche Kultur hervorgebracht. Eine Missionierung ist also nicht notwendig Herr Minister.

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Stefan Lorenz

Auf der Suche nach der Streitkultur

In den Diskussionen um das Zugangserschwerungsgesetz ist mir etwas aufgefallen. Irgendwie gibt es tausende, vielleicht sogar hunderttausende Menschen die mit diesem Gesetz nicht einverstanden sind aber irgendwie dringen diese Menschen nicht zu denen durch die Entscheidungen treffen in diesem Land. Mittlerweile macht sich gerade im Internet eine durchaus als aggressiv zu bezeichnende Stimmung gegen die Initiatorin des Gesetzes breit. ( Siehe dazu dieser Artikel auf netzpolitik.org und sein Vorgänger)

Diese Aggression ist vor allem ein Ausdruck eines Gefühls der Hilflosigkeit. Viele Menschen fühlen sich nicht wahrgenommen, ich habe das bereits in einem früheren Post thematisiert. Das offenbart aber ein strukturelles Problem:

Die Parteien sind nicht mehr in der Lage die Belange der Menschen in umsetzungsfähige Konzepte umzuwandeln, die Parteiendemokratie delegitimiert sich damit nach und nach selbst. Parteien sind ja nur Konstrukte um den Willen des Volkes in Gesetze umzuwandeln. Die Programme der großen Parteien sind aber viel zu kompliziert um von der Mehrheit der Bürger noch verstanden zu werden, ganz abgesehen die Auswirkungen einzelner Maßnahmen für das persönliche Leben antizipieren zu können.

Diese Komplexität hat natürlich einen Vorteil für die Parteien, sie ermöglichen eine fast grenzenlose Beliebigkeit in den Verhandlungen für Koalitionen nach der Wahl. Außerdem muss man ja Spannungen auf Landesebene im Bund wieder ausgleichen können. Je nachdem wie man dann einzelne Passagen auslegt kann man so auch mal die eine oder andere Kehrtwende hinlegen ohne das einem de Basis wegbricht.

Diese Konsenskultur hat jedoch auch andere Ursachen. Das Deutsche Volk hat nach der Zeit des Nationalsozialismus ein gesundes Misstrauen gegen Machtfülle und Alleinherrschaft entwickelt. Dies spiegelt sich auch im politischen System wieder. Die Mischung aus Mehrheits- und Verhältniswahlrecht erhebt den Anspruch das Beste aus beiden System zu vereinen. Durch diese Form der Repräsentantenbestimmung wird aber auch jeglicher Richtungsstreit abgetötet. Es kommt schließlich jeder irgendwann und irgendwie an die Reihe mit einem Dienstposten oder mit einem Amt, man muss nur geduldig genug sein und darf sich nicht zu weit exponieren. Der “cursus honorum” durch die Parteienhierarchie tötet die Innovationskraft ab und verhindert echte schnelle Erneuerung.

Der Konsens zwischen zwei völlig gegensätzlichen Konzepten ist nicht immer die beste Lösung, die Gesundheitsreform hat es bewiesen.  Am Ende einer politische Auseinandersetzung darf nicht immer die  Lösung stehen die am wenigsten weh tut sondern es muss die Lösung stehen die das Problem am besten löst. Was die Bundesrepublik dafür braucht ist nichts weiter als eine Lektion im Streiten, Konflikte müssen ausgefochten werden und nicht breitgewalzt. Dieses Ausfechten bedeutet natürlich keine Gewaltanwendung sondern die Schaffung von Strukturen die diese Konfliktbewältigung ermöglichen.

Eine Möglichkeit wäre die Einführung von Volksentscheiden, eine andere die Stärkung der Onlinepetition bis hin zu einer öffentlichen Begleitung des Gesetzgebungsprozesses. Dies könnte ermöglicht werden in dem die Parteien die Gesetze in einer Art Wiki-System einstellen in dem einzelne Passagen korrigiert und diskutiert werden können.

Ein solches Verfahren erfordert jedoch vor allem eins: Erwachsenes Verhalten. Man muss akzeptieren können wenn man mit seinem Konzept nicht durchdringen konnte! Man verliert sein Gesicht nicht wenn man mal einen Fehler eingesteht.

 

Welche Möglichkeiten fallen euch denn ein die Erneuerung voranzutreiben und Lösungen für politische Probleme zu finden?

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Stefan Lorenz
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