Nachwuchssorgen

Der Bundeswehr gehen die Soldaten aus. Nicht erst der demografische Wandel lässt Qualität und Quantität der Bewerber schrumpfen, viele Rekruten erfüllen nicht einmal Mindestforderungen im sportlichen Bereich, viele Bewerber für die Verpflichtung als Zeitsoldat auch nicht die geistigen. Ein „Programm zur Steigerung der Attraktivität des Dienstes” muss also mal wieder her.( Koalitionsvertrag, Seite 117) Hoffentlich wird es diesmal gelungener ausfallen.

Die letzten Attraktivitätsprogramme haben irreparablen Schaden am inneren Zusammenhalt der Truppe verursacht. Die Einstellung mit höherem Dienstgrad und der gleichzeitigen Schlechterstellung von Feldwebeln und Unteroffizieren in ihren Verantwortungsbereichen haben das „Rückgrat der Armee“ fast gebrochen. Die neuen Ausbildungsgänge mit immer weniger Zeit zum Sammeln von Führungs- oder Einsatzerfahrung auf niedrigen Ebenen schwächen den inneren Zusammenhalt weiter. Bevor man jeden Kraftfahrer zum Unteroffizier ernennt, sollte man vielleicht einmal über eine qualifikationsorientierte Besoldung nachdenken.

Laufbahnwechsel, flexible Verpflichtungszeiten und mehr Einfluss der Kommandeure vor Ort auf Beförderung und Verwendung würden Transparenz und Vertrauen in die Führung stärken sowie dem aktuellen Beurteilungsdenken Einhalt gebieten. Beförderungshemmende Planstellenbegrenzungen sowie Mindestdienstzeiten in den Dienstgraden sind Ausdruck reinen Verwaltungsdenkens und spiegeln keinesfalls den realen Bedarf der Truppe wieder.

Mehr Familienbetreuung und flexible Dienstzeiten für Familien in denen beide Elternteile Soldat sind könnten den Verlust an gut ausgebildeten Soldaten und Soldatinnen durch die Unvereinbarkeit von Familie und Beruf verringern, Weiterverpflichtungen von Zeitsoldaten dementsprechend attraktiver machen. Auch dafür muss die Personalführung wieder dezentralisiert werden. Nur wer die Wünsche und Probleme vor Ort kennt kann auch dementsprechend entscheiden.

Das sind jedoch alles materielle Forderungen, wichtiger wäre die Wiederbelebung eines wie auch immer gearteten „Esprit de Corps“. Die Einheiten brauchen Zeit zum Zusammenwachsen, die Menschen in den Verbänden Zeit Erfahrung zu sammeln, Verantwortung zu übernehmen und an ihren Aufgaben zu wachsen. Diese Zeit steht jedoch nicht zur Verfügung in der aktuellen Gliederung. Kein Unternehmen würde ein Zweigstelle in China eröffnen und vom ersten Tag an volle Leistung verlangen wenn die Mitarbeiter neu zusammengestellt wurden. Die Bundeswehr tut das wenn sie die Einsatzverbände jedes Kontingent neu gliedert.

Die Bundeswehr ist manchmal nichts anderes als eine Bundesverwaltungsbehörde mit einheitlicher Kleidung. Diese Behörden sind allesamt dafür bekannt ein totes Pferd länger als eigentlich notwendig zu reiten. Das sprichwörtlich tote Pferd ist die alte Gliederung und die Denkschule der Verteidigungsbeamten. Der neue IBuK ist eigentlich zu jung um in diesem Denken verhaftet zu sein. Vielleicht schafft er es ja seinen Elan auf die Truppe und die oberste Führung zu projizieren und das Attraktivitätsprogramm macht den Dienst auch für die bereits Verpflichteten attraktiver.

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Stefan Lorenz

Willkommen in der Wirklichkeit

Es wirkt schon einigermaßen grotesk: Da besuchen Schüler der 8. Klasse aus Süsel das Aufklärungsbataillon 6 in  der Rettberg-Kaserne in Eutin um einen persönlichen Eindruck von der Bundeswehr zu bekommen, und wenige Tage später überbieten sich Eltern und Politiker in Betroffenheitsbekundungen. Der Grund: Den Kindern wurde ein Schießsimulator (wahrscheinlich das AGSHP) gezeigt, der von einem Oberstabsfeldwebel als “tausendmal besser als jede Playstation” gelobt worden sein soll.

Dass dieser flapsige Kommentar zu mehr als einem Lachen bei den Schülern geführt hat, darf bezweifelt werden. Trotzdem wird der Vorfall in der Lokalpresse skandalisiert. Eltern und Politiker empören sich über “die Bundeswehr”, Landtagsabgeordnete werfen ihr vor, “oberflächlich, unreflektiert und gewaltverherrlichend” über ihren Auftrag informiert zu haben. Natürlich wird auch sofort auf die bösen “Ballerspiele” und ihre angebliche Bedeutung für “Amokläufe” hingewiesen, vor denen man die Kinder selbstverständlich zu schützen versuche. Umso schlimmer also, dass den Kindern (eher wohl Jugendlichen) nun ein Simulator vorgeführt wurde, an dem Soldaten ihr Handwerk trainieren können.

Interessanterweise wurde der Truppenbesuch von dem durchführenden Lehrer unmittelbar nach der Veranstaltung gelobt. Angesichts der nun laut werdenden Kritik hat er sich jedoch entschlossen, zu dem “Vorfall” zu schweigen, und auch sein Rektor bemüht sich nach Kräften, eine eigene Beteiligung auszuschließen. Während sich die Verantwortlichen der Schule nun also wegducken, und sich insgeheim wahrscheinlich wünschen, der Einladung der Bundeswehr niemals entsprochen zu haben, wird man an anderer Stelle aktiv: Auf Initiative des “Friedenskreises Eutin” und der Grünen soll es nach den Schulferien eine “Nachbereitung” mit den Schülern geben. Dort sollen diese dann aus berufenem Munde erfahren, worin sich Schießsimulator und “Ballerspiel” unterscheiden.

Vermitteln müsste man den Schülern vor allem eines: Wie sich in der Reaktion auf ihren Truppenbesuch die ganze Unaufrichtigkeit des deutschen Umgangs mit Streitkräften manifestiert. Jahrzehntelang war die Existenz der Bundeswehr angesichts der Blockkonfrontation auf deutschem Boden eine Art notwendiges Übel, das durch die Parole “Kämpfen können, um nicht kämpfen zu müssen” leichter zu ertragen war. Dieses Bild lässt sich angesichts der heutigen Einsatzrealität natürlich nicht mehr aufrechterhalten, doch trotzdem klammern sich Politik und Öffentlichkeit an die Vorstellung vom “guten” deutschen Soldaten. Von einem Soldaten, der Buntstifte verteilt, Brunnen bohrt, Häuser baut und alles in allem ein prima Kumpel ist. Das Idealbild scheint eine Bundeswehr zu sein, deren Einsätze die Erwartungen der Verbündeten befriedigen, ohne dass sie dabei genuin soldatische Aufträge erfüllt. Eine Bundeswehr, die zu Hause zwar willkommen ist, wenn im Osten die Deiche brechen, die sonst aber gefälligst in den Kasernen bleiben soll. Da ist es natürlich ein Skandal, wenn eine Schulklasse, deren männliche Mitglieder in ein paar Jahren zur Musterung anstehen, damit konfrontiert wird, dass auch Kämpfen und Schießen zum Aufgabenspektrum eines Soldaten gehört. Auch eines deutschen.

In Deutschland wird dieser Teil gerne und konsequent ausgeblendet. Empört wiesen einige Redner auf dem heutigen Parteitag der Grünen darauf hin, der Einsatz habe ja kaum etwas mit der Durchführung “polizeiähnlicher Aufgaben” zu tun, von denen 2001 im Bundestag die Rede gewesen sei, und forderten den sofortigen Abzug. Mehrmals wurde dabei die Bombardierung der Tanklaster bei Kundus als “Augenöffner” beschrieben. Auch der Truppenbesuch der Schulklasse hat die Bundespolitik mittlerweile erreicht. So äußert sich etwa der verteidigungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Rainer Arnold, auf der Plattform abgeordnetenwatch.de über den seiner Meinung nach “unerhörten Vorfall.”

Unerhört ist vielmehr der Umgang der Politik mit den Streitkräften. Unerhört ist es, wenn vorhandene militärische Mittel, die von den Kommandeuren im Einsatz angefordert werden, nicht zur Verfügung gestellt werden, weil sie “zu martialisch wirken.” Unerhört ist es, wenn erst der Deutsche Bundeswehr-Verband darauf hinwirken muss, dass ein Soldat, nachdem er gemäß den Rules of Engagement im Einsatz von der Schusswaffe Gebrauch gemacht hat, seinen rechtlichen Beistand im folgenden Ermittlungsverfahren nicht selbst finanzieren muss. Unerhört ist es, wenn ständig vermeintliche faschistische Tendenzen in der Bundeswehr ausgemacht werden, weil sich einige Ausbildungsunterlagen auf Erfahrungen stützen, die die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg gemacht hat. Und unerhört ist es letztendlich, die Einsatzrealität zu ignorieren, die Bundeswehr in der Öffentlichkeit als eine Art “bewaffnetes THW” darzustellen und dann, wenn die Soldaten ihren Auftrag mit militärischer Gewalt durchsetzen, in das Skandalgeheule der Medien einzufallen.

Angesichts der Reaktionen auf den Truppenbesuch wird deutlich, dass Politik und Öffentlichkeit in Deutschland von einem normalen Verhältnis zu ihren Streitkräften noch weit entfernt sind. Es hilft jedoch niemandem, den kämpferischen Aspekt des soldatischen Auftrags und Selbstverständnisses auszublenden, um sich nicht von liebgewonnenen, aber falschen Vorstellungen verabschieden zu müssen. Ein erster Schritt wäre es dabei, eine klare Sprache zu finden und sich vor die Soldaten zu stellen. Die Politik macht sich unglaubwürdig, wenn sie immer so tut, als sei sie in die Einsätze “hineingezogen” und von den Konsequenzen überrascht worden. Es bleibt zu hoffen, dass der Reserve-Unteroffizier der Gebirgsjäger und nächste Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, mehr Mut zur Offenheit beweist als sein Vorgänger (vgl. dazu auch das Bendler-Blog). Fünfzehn Jahre nach dem Grundsatzurteil des Bundesverfassungsgerichts zum Thema Auslandseinsätze deutscher Streitkräfte wäre es höchste Zeit, der Realität ins Auge zu sehen.

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Benedikt Kühn
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