Eine Diskussion hat diese Woche beherrscht: Hartz IV, die Höhe der Transfers und das Lohnabstandsgebot. Guido Westerwelle musste nach seiner Kritik der Diskussion sehr viel Prügel einstecken. Das BildBlog meinte dann noch den Fehler in der Rechnung gefunden zu haben und unterstellte Guido Westerwelle sorglosen Umgang mit den Fakten. Dabei scheinen alle zu vergessen, dass die einen für ihr Geld arbeiten gehen und die anderen es ohne Gegenleistung erhalten.
Bei Lichte besehen gehen die Angestellten der in der FAZ angesprochenen Branchen dann nur für den Grenzertrag zwischen Hartz IV und ihrem Lohn arbeiten. Dabei werden die aus der Erwerbsarbeit resultierenden Aufwendungen gar nicht mit einbezogen. Weder Auto noch Arbeitskleidung, Kantinenessen oder Fahrtkosten braucht der Hartz IV-Empfänger jeden Tag aufzuwenden. Und wird ein neues Kind geboren gibt es auch nicht gleich eine Gehaltserhöhung, der Steuerfreibetrag macht gerade bei Geringverdienern nur wenige Euro im Monat aus. Die Diskussion hat also schon recht verquere Züge angenommen.
Weissgarnix kommt zu dem Schluss, dass Mindestlöhne viel besser wären um das Lohnabstandsgebot wieder zu stärken. Nach seiner These würden dann auch wieder mehr Menschen versuchen Arbeit zu finden. Ein typisches Beispiel für eine zu kurz gegriffene Betrachtung! Betrachtet man einmal das Gesamtsystem entstehen aus einer Mindestlohnfestsetzung mehrere Effekte:
Ein möglicher Effekt wäre der Verlust von Arbeitsplätzen. Dieser wird immer wieder bestritten lässt sich jedoch recht leicht erklären. Ein Unternehmen A nimmt eine Menge Geld X ein, davon werden die Betriebsmittel und das Personal bezahlt, der Rest ist der Gewinn. Ein Mindestlohn lässt nun die Personalkosten ansteigen. Übersteigt der Mindestlohn dann die Produktivität des Angestellten oder Arbeiters wird das Unternehmen versuchen durch erhöhten Kapitaleinsatz die Produktivität zu erhöhen. 1 Dies funktioniert aber nur begrenzt, irgendwann gibt es keinen Grenzertrag mehr. Sinken die Gewinne gibt es weniger Investitionen, das Unternehmen ist in der langen Frist zum Untergang verdammt.
Eine weitere Lösung wäre eine Erhöhung der Preise um die gestiegenen Personalkosten abzufangen. Die meisten Branchen mit niedrigen Löhnen sind im Dienstleistungssektor beheimatet. Bei vielen Dienstleistungen herrscht nur eine geringe Preiselastizität vor. Wir müssen zum Friseur und um das Briefporto kommt man auch nicht drumherum. Erhöhen nun diese Dienstleister ihre Preise bleibt von dem, durch den Mindestlohn, gestiegenen Einkommen nichts übrig. Die Inflation würde jeden Gehaltszuwachs wieder zunichtemachen.
Mindestlöhne bringen also in der kurzen Frist eine gewisse Verbesserung der Situation, in der langen Frist sind sie einfach nur wirkungslos. An der Supermarktkasse zählt die reale Kaufkraft und nicht die möglichst hohe Zahl auf dem Gehaltsscheck. 2 Wie das wohl der Leistungsempfänger sehen wird wenn er ohne Erhöhung seiner Sätze mit höheren Preisen konfrontiert wird?
Die Ergebnisse einer fokussierten Betrachtung des Niedriglohnsektors und der Transferleistungen sind also mindestens ernüchternd für die Verteidiger eines Mindestlohns. Weitet man nun den Blick und nimmt alle Einkommensgruppen ins Visier wird das Ergebnis nicht zwingend besser.
Durch den Mindestlohn wird das Entgelt für gering qualifizierte Tätigkeiten künstlich angehoben. Damit geraten die Löhne und Gehälter für ein mittleres Qualifikationsniveau unter Druck, es lohnt sich nicht mehr höher qualifiziert zu sein als andere, die Kosten für den Erwerb des Bildungsabschlusses werden nicht mehr durch ein signifikant höheres Lebenszeiteinkommen ausgeglichen.3 Ob sich das ein Land das die hohen Löhne auch mit dem Wissens- und Produktivitätsvorsprung vor anderen Ländern rechtfertigt langfristig leisten kann ist wohl mehr als fragwürdig.
Gleichzeitig schlägt die relative Armut wieder einmal zu4. Der Mindestlohn hebt das Durchschnittseinkommen um ein paar Prozentpunkte, damit werden diejenigen die nicht davon profitieren statistisch und real noch ärmer, diejenigen die profitieren bleiben zumindest in der Statistik genauso arm wie vor dem Mindestlohn. Real erledigt das die Inflation.
Insgesamt also ein Nullsummenspiel, nur die Summen werden von Jahr zu Jahr größer. Es ist ja nur eine Frage der Zeit bis dann eine erneute Erhöhung des Mindestlohns und der Transferleistungen gefordert wird. Wären da Senkung des Eingangssteuersatzes und Reduzierung der kalten Progression nicht die besseren Mittel damit Menschen von ihrem Einkommen leben können?
- Ford investiert 550Mio $ in Mexiko um 4500 Arbeitsplätze zu schaffen. Das macht ca. 120.000 $ Kapitaleinsatz pro Arbeitsplatz. Quelle: Washington Post ↩
- Vgl. hierzu auch den Big-Mac-Index und seine Erklärung ↩
- Dem Akademiker steht für die Generierung des Einkommens theoretisch auch weniger Lebensarbeitszeit zur Verfügung. Dies gilt, so lange alle bis zum Erreichen des Renteneintrittsalters erwerbstätig sein können. Praktisch läuft es auf eine ähnliche lange Erwerbsbiographie hinaus. ↩
- Vgl. hierzu auch den Gastbeitrag von Hans-Olaf Henkel im Tagesspiegel ↩
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Schöner Artikel! Problematisch ist ja auch die Festlegung von Armut auf 60% des Durchschnittseinkommens. Würden ab morgen alle Deutschen monatlich 500€ zur Verfügung haben, gäbe es, statistisch gesehen, keine Armen mehr. Bekäme aber jeder pro Monat 2000€ mehr, würde sich an der Armutsquote, statistisch gesehen, nichts ändern.
Aber das Thema eignet sich anscheinend nicht für Sachargumente, hier geht es nur nach Bauchgefühl und Volkes Stimmung – und nach der kann anscheinend nie genug Geld umverteilt werden.
Das statistische Problem habe ich ja im vorletzten Absatz angesprochen.
Es wird so lange umverteilt bis nichts mehr da ist, schlimm ist daran nur das es die unteren Einkommensbereiche immer härter trifft weil Arbeitseinkommen immer höher besteuert werden.
[...] Ford investiert 550Mio $ in Mexiko um 4500 Arbeitsplätze zu schaffen. Das macht ca. 120.000 $ Kapitaleinsatz pro Arbeitsplatz. Quelle: Washington Post ↩ [...]
> “Durch den Mindestlohn wird das Entgelt für gering qualifizierte Tätigkeiten künstlich angehoben. … Ob sich das ein Land … langfristig leisten kann ist wohl mehr als fragwürdig.”
So ein kurzer Artikel und so viele Idiotien drinnen, das muss man wirklich können
Naja Idiotie ist immer relativ. Ich finde es idiotisch wenn ein Staat stetig eingreift, vorgeblich zum Besseren und damit dem komplexen System Gesellschaft immer mehr Schaden zufügt. Das die Menschen so wenig verdienen ist keine Schuld des Kapitalismus sondern den stetigen Eingriffen geschuldet. Das ein Staat dann helfen soll erscheint mir mehr als idiotisch.
Erklären sie mir doch einmal kurz was ein Mindestlohn sonst tut? Ach und nebenbei doch bitte auch gleich noch ob dann nicht auch ein Mindestlohn für Akademiker eingeführt werden sollte?
Hallo Stefan,
dein Artikel ist interessant, aber sehr meinungsdurchtränkt. Leider ist deine ökonomische Analyse teilweise falsch und unvollständig. Dies ist aber verständlich und auch entschuldbar, da es sich hier um einen Blog handelt, und nicht um ein Lehrbuch. Deshalb ein paar Anmerkungen:
Es gibt in Ökonomenkreisen keine eindeutige Meinung zum Mindestlohn. Das liegt teilweise daran, dass das Thema sehr Ideologiebesetzt ist. Allerdings gibt es empirisch keine eindeutige Tendenz. Es gibt ökonometrische Analysen, die sehr wohl von einem negativen Effekt sprechen, es gibt aber genauso viele Arbeiten zu dem Thema, die auch von positiven Effekten sprechen.
Deshalb kann ich deiner ökonomischen Beweiskette nur bedingt folgen.
Zu behaupten, dass Menschen “wenig” verdienen wegen staatlicher Eingriffe halte ich für äußerst problematisch. Absoluter Marktliberalismus ist für ein Land der ersten Welt sicher nicht erstrebenswert… Da gibt es einige historische Besipiele.
Beste Grüße
Danke für den sehr sachlichen Kommentar.
Wo liegen denn die Fehler und wo fehlt noch etwas in der Argumentationskette. Natürlich ist er meinungsdurchtränkt, ist ja auch meine meinung.
Empirisch wird das ganze nie nachweisbar sein da nur schwerlich vergleichbare Zustände herstellbar sind. Der Mindestlohn ist ja immer nur ein Baustein im Gesamtsystem. Meiner Meinung nach handelt sich um ein komplexes System. Ein solches System reagiert nur mal nicht nach dem Prinzip Aktion=Reaktion sondern wird sich immer in einer Weise entwickeln die man nicht vorhersehen kann. Deswegen ist es aus meiner Sicht besser den Markt entscheiden zu lassen und den Markt eben dementsprechend zu beschränken, nicht durch direkte Eingriffe sondern durch vernünftige Ordnungspolitik.
In einem möglichst marktoffenem Umfeld wird sich automatisch ein vernünftiger Preis für die Arbeit abzeichnen. Niemand wäre ja gezwungen einen Job anzunehmen durch Hartz IV Sanktionen usw.. Sicher werden dann Menschen gewzungen sein bestimmte Tätigkeiten zu machen um ihre Familie zu ernähren, aber war das je anders? Hat sich der Scharfrichter seinen Job früher ausgesucht?
Ich wurde noch mit solchen Sätzen wie: “Lern was ordentliches sonst fegst du die Straße” erzogen. Heute geben Schulabgänger Hartz IV als Berufswunsch an, wo da ein positiver gesellschaftlicher Effekt durch soziale Sicherung erzielt wird wird mir immer schleierhaft bleiben.
Es ist sicher nur eine Minderheit die auf den Kosten anderer lebt, aber diese Minderheit ist mehr als genug!
Im Moment sind doch Aufstockungen mit Hartz IV Sätzen absolut kontraproduktiv, welches Unternehmen nimmt den nicht die vom Staat angebotene Möglichkeit wahr die Lohnkosten zu senken?
Welche historischen Beispiele gibt es denn für einen schlechten Marktliberalismus? Meinst du den Aufstieg der USA bis zum New Deal? Oder die positive Entwicklung im England des 19. Jahrhunderts nachdem man den Freihandel etabliert hat?
Aus meiner Sicht ist der Markt die einzige Instanz die wirklich gerecht ist. Zumindest wenn er wirklich frei agieren kann. Dann bekommt jeder seinem Input entsprechend auch wieder etwas heraus. Und das ist gerechter als allen nur das Gleiche wie dem Nachbarn zuzugestehen.