Vor allem in den Tagen des zwanzigjährigen Jubiläums des Mauerfalls wird immer wieder der Begriff der Revolution für den Umbruch in der DDR verwendet. Der Begriff ermöglicht es komplizierte Umwälzungsprozesse zeitlich und inhaltlich in ihrer Komplexität zu reduzieren. Gleichzeitig versperrt er aber den Blick auf die Ursachen, der Prozess der politischen Umwälzung in der DDR wird von einer langsamen Delegitimation der herrschenden Klasse zu einer plötzlichen Eruption des Volkszorns gemacht.
Wenn man historische Prozesse so betrachtet verfällt man schnell der Versuchung das Ende apologetisch vorwegzunehmen. Alle Ereignisse die der Revolution vorgelagert waren, werden nur aus dem Blickwinkel derselben betrachtet. Damit vergibt man sich selber die Chance zu einer neuen Sichtweise der Ereignisse zu kommen. Das Geschichtsbild verdichtet sich zu einer Kausalkette mit zwangsläufigem Ausgang.
Derartiges gilt auch für die Ereignisse die zum Ende der DDR geführt haben. Die Gesellschaft des real existierenden Sozialismus hatte sich schon lange von der Avantgarde des Sozialismus, der Partei, entfernt. Nachdem die „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ in den siebziger Jahren kurzfristig für bescheidenen Wohlstand aus der Druckerpresse gesorgt hatte, schrumpfte die reale Wirtschaftsleistung spätestens seit Beginn der achtziger Jahre. Damit standen jedes Jahr weniger Investitionsmittel zur Verfügung, die Abwärtsspirale drehte sich immer schneller.
Gleichzeitig ignorierte die Partei- und Staatsführung die Entspannungstendenzen die von der KSZE, der Schlussakte von Helsinki und den Abrüstungsverhandlungen zwischen den USA und den UdSSR ausgingen. Die betont aggressive Rhetorik gegen den Imperialismus verlor damit immer mehr an Glaubwürdigkeit. Währenddessen wurde das System der Wehrerziehung und –ausbildung immer mehr perfektioniert und entfremdete durch seinen real erfahrbaren Zwangscharakter immer mehr junge Menschen vom Arbeiter- und Bauern Staat.
Es handelte sich also nicht um einen spontanen Ausbruch von zivilem Ungehorsam sondern um langfristige Entwicklungen deren Ausgang nicht vorhersehbar war. Gleichzeitig verschwinden durch die Revolutionsdarstellung aber die vielen Namenlosen die ihren Opportunismus gegen das System nicht auf tausende Demonstranten stützen konnten. Wer erinnert denn in diesen Tagen an Dietrich Bonhoeffer oder die Mauertoten, die vielen Namenlosen die für Widerspruch und kritische Fragen in den Gefängnissen der Stasi saßen oder die die keinen Job gefunden haben weil sich geweigert haben in der Wehrausbildung zu Schießen oder die Aggressivität des Imperialismus in Zweifel gezogen haben?
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Vielleicht kann man der aggressiven Rhetorik sogar ein Gutes abgewinnen: Ihr ist es u.U. zu verdanken, dass bei vielen das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Immer mehr Repressalien, Indoktrination, und Unmündigkeit ermutigten den einen oder anderen erst recht, seine Zweifel in Überzeugung zu wandeln, Unmut in Zorn und Passivität in Aktivität. Gorbatschow entfernte den Stöpsel aus der Wanne DDR. Doch die vielen ungenannten Opfer zogen in den ganzen Jahren daran. Jeder für sich vielleicht schwach, doch in der Summe stark. Und ab 1985 waren es die Opfer, die aufbegehrende Bevölkerung, alle aktiven und passiven Demonstranten, die den Dreck vorm Ausguss wegschoben, damit das schmutzige Wasser “DDR” schnell abfloß.
Am 9.11.89 hielt ein verwirrter Günter Schabowski eine legendäre Pressekonferenz während meiner geliebten Flimmerstunde. Mehr nicht. Die Revolution, die Wende, war da schön längst im Gange.
Also: Die verquere und stoische Politik der DDR-Oberen ist genauso Bestandteil der Wende, wie jeder Einzelne. Und das in einem Zeitstrahl von über 10 Jahren. Vor 1989.
Ja natürlich, die immer umfangreicher werdenden Zwangsmaßnahmen sorgten immer öfter für einen “Riss in der Matrix”. Das Regime sah sich jedoch jeglicher Handlungsoption beraubt, jedes Nachgeben konnte nur noch zur völligen Beseitigung der DDR führen. Andererseits war die chinesische Lösung auch keine Option mehr. Der Zusammenbruch war nach dem Zerwürfnis mit Moskau unvermeidlich.