Neu? – Nein, nur frisch gewaschen!

Heute morgen habe ich auf dem Weg zum Arbeit einen gutes Interview mit dem Landesvorsitzenden der FDP Sachsen Holger Zastrow gehört. Er sagte unter anderem:

Wir haben in dieser Krise doch ne sehr eigenartige Diskussion bekommen. Für mich als Ostdeutscher auch ne etwas gefährliche Diskussion, denn ich hätte nicht gedacht, dass ich mich so oft hinstellen muss und ganz alleine stehe, wenn ich die Werte von 1989, wenn ich all das, wofür wir 1989 gerade hier in Sachsen auf die Straße gegangen sind, verteidigen muss. (Holger Zastrow am 31.08.09 im DLF )

Auf die weitergehende Frage was er denn verteidigen müsse antwortete er die Marktwirtschaft, man hätte mit alten sozialistischen Ideen versucht der Krise zu begegnen. Heute Abend, auf dem Rückweg musste ich dann hören wie Bundeswirtschaftsminister zu

Guttenberg und Bundesfinanzminister Steinbrück weitere Milliarden Staatsgelder in den Kreditmarkt pumpen wollen. Vor allem durch die Gewährung von Globalkrediten soll die Geldversorgung der kleineren und mittleren Unternehmen (KMU) sichergestellt werden, das ganze wird dann mit voller Risikoübernahme bei Exporten flankiert. Das Grundproblem der Maschinen- und Anlagenbauer ist eine gesicherte Vorfinanzierung ihrer Bauvorhaben. Vor allem in politisch und wirtschaftlich instabilen Regionen erhalten sie nur selten die benötigten Mittel von den Banken. Hier springt eine Tochterfirma der Allianz als Kreditversicherer ein, die in Paris ansässige Hermes-Versicherung. In der letzten Wochen haben sich auch hier die Finanzierungsbedingungen verschlechtert, die Firmen müssen fast die vierfache Prämie entrichten. Hier will der Minister einspringen und der KfW Mittel zum Ankauf derartiger Versicherungen zur Verfügung stellen. ( Quelle: sueddeutsche.de)

Gleichzeitig habe ich an eine Passage aus einer der Quellen für meine Magisterarbeit erinnert: Dem Schlussbericht der Enquete-Kommission “Überwindung der Folgen der SED-Diktatur
im Prozess der deutschen Einheit”. ( Drucksache 13/11000) Dort werden auf Seite 71 die Funktionsweisen und Grundprobleme der DDR-Wirtschaft beschrieben. Ein wesentliches Element der Wirtschaftskontrolle war die Bildung von Geldfonds, diese steuerten dann direkt die Wirtschaftsaktivitäten durch die strikte Gewährung von Geldmitteln an plankonforme Wirtschaftsvorhaben.

Irgendwie konnte ich mich da des Deja vú nicht erwehren. Ich gehöre garantiert nicht zu den Apologeten einer Sozialistischen Bundesrepublik Deutschland,  einige in der Krise vorgestellten Konzepte erinnern jedoch stark an schon mal dagewesene Ideen. Man kommt nicht gleich wieder bei der Staatlichen Plankommission raus wenn man in der Wirtschaftskrise die Nachfrage stärkt, einen so umfassenden Umbau hat die deutsche Wirtschaft jedoch seit 1950 nicht mehr gesehen. Das Recht auf Eigentum wurde eingeschränkt ( HRE, Commerzbank), der Staat bürgt für einen Autohersteller bei dem nicht mal klar ist ob seine Krise etwas mit der Finanzkrise zu tun hat und stützt einen  Warenhauskonzern der schon lange in die Krise getaumelt war als die ersten faulen Kredite an den Finanzmärkten auftauchten. Ein Ende ist dabei nicht abzusehen. Das Volumen des staatlichen Engagements in der Privatwirtschaft ist bisher noch gar nicht bezifferbar, erst wenn alle Sonderhaushalte offengelegt sind kann man sehen welche Gelder wohin fließen. Von einer Rückzahlung kann man dann ja noch lange nicht sprechen, in einigen Fällen sind die Totalausfälle wohl schon einkalkuliert. Wie eine eventuelle Verlängerung der Abwrackprämie zeigt gewöhnen sich Verbraucher und Wirtschaft schnell an die Subventionen, für eine strikte Abschaffung fehlen dann meistens politischer Wille und Mehrheiten im richtigen Moment. Wie das dann mit der im Grundgesetz verankerten Schuldenbremse zusammenpasst muss jeder für sich selbst entscheiden. Man sollte nur zweimal hinschauen bevor man einem Etikett glaubt. 

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Stefan Lorenz

Das Recht auf Scheitern

“Das Recht auf Scheitern  ist notwendiger Bestandteil einer Marktwirtschaft.”

Diesen Satz habe ich in einer Seminararbeit der Friedrich-Naumann-Stiftung mit dem Titel: Junge Ideen für eine moderne Wirtschafts-, Finanz- und  Arbeitsmarktpolitik gefunden. Vor allem in Deutschland ist Scheitern ein Makel, vor allem Unternehmer die scheitern werden oft mit einem gewissen Misstrauen betrachtet. Aber auch  außerhalb der Wirtschaft hat sich die “Sieger-Mentalität” durchgesetzt, frei nach The Rock:

"Nur Versager sprechen davon, ihr Bestes zu geben. Gewinner ficken die Ballkönigin"

Nun, von The Rock werden solche markigen Sprüche erwartet, aber ebensowenig wie Endlosmagazine und stets reibungslos interagierende moderne Technik existieren, gibt es das stete Happy End zu jeder Episode. Scheitern gehört zum Leben wie der Erfolg auch wenn wir alle nur gern die Erfolgsgeschichten hören mögen. Risiken wagen und daran scheitern hat jedoch neben der individuellen Perspektive auch eine gesamtgesellschaftliche Perspektive. Ich möchte diese beiden Ebenen getrennt voneinander betrachten, denn sie trennt doch mehr als nur der Blickwinkel

Die mikroskopische Ebene

Jeder von uns ist auf einer persönlichen Ebene schon einmal gescheitert, vor allem in Beziehungen tut es besonders weh. Vor allem wenn das Scheitern überraschend offenbar wird sitzt der Schmerz tief, wenn man die jahrelange Affäre des Partners aufdeckt oder in eine leere gemeinsame Wohnung kommt. Dann bleibt man zurück mit unzähligen Fragen und dem lähmenden Gefühl die Schuld für das scheitern zu tragen. Vor allem wenn der ehemalige Partner jeden Kontakt verweigert steigert man sich schnell in eine Spirale aus Selbstzweifeln und Selbstmitleid welche dann das Scheitern einer eventuellen neuen Beziehung nur vorprogrammiert. Diese Spirale kann man mit drei Eigenschaften relativ leicht durchbrechen:

  1. Selbstreflexion: Am Anfang jeder Krisenbewältigung steht die Ursachenforschung. Woher kommt die Krise? Welchen Einfluss hatte ich selbst auf die Entwicklung und an welcher Stelle hätte ich mal genauer hinschauen müssen? Das soll jedoch nicht dazu dienen sich selbst die Schuld zu geben und überall nach den verpassten Gelegenheiten zu suchen. Es geht darum für die nächste Episode gewappnet zu sein und vielleicht an bestimmten Nuancen des eigenen Verhaltens zu arbeiten.
  2. Feedback: Damit meine ich vor allem die Feedbackregel: “Rechtfertige dich nicht.” Es gibt immer gute Gründe warum man diese oder jene Entscheidung getroffen hat. Beim Feedback geht es aber darum zu erfahren was andere darüber denken und nicht was man sich selbst gedacht hat, das weiß man ja schon.
  3. Vertrauen: Auch wenn es am Ende steht ist Vertrauen das wichtigste Element einer guten Krisenbewältigungsstrategie. Nur wenn man sich selbst vertraut die Krise zu bewältigen kann man die Spirale des Selbstmitleids durchbrechen.

Der Schwerpunkt liegt immer auf der Bewältigung der Krise. Viele Menschen reagieren mit Verdrängung auf Scheitern und krisenhafte Entwicklung. Nur wenn man den internen Konflikt jedoch ausficht kann die Krise eine positive Folge haben. Dann kann man aus den Erfahrungen lernen und beim nächsten Mal ein kleines bisschen besser sein, denn perfekt wird wohl nie jemand werden.

Diese persönliche Erfahrung des Scheiterns kann sich jedoch auch wirtschaftlich einstellen. Gerade in den Zeiten hoher Arbeitslosigkeit machen sich vor allem gut ausgebildete erfolgsverwöhnte Menschen selbstständig wenn sie keinen neuen Job finden oder einfach nur noch für sich selbst arbeiten wollen. Genau in diesen Zeiten scheitern jedoch naturgemäß auch die meisten Menschen mit diesen Plänen. Vor allem für Menschen die es gewohnt sind Erfolg zu haben und stets die Leiter nach oben zu fallen ist das Scheitern mit dem eigenen Projekt besonders hart. Diese Menschen erleiden aber auch noch einen anderen Tiefschlag, plötzlich werden sie von Freunden und Bekannten gemieden, ehemalige Geschäftspartner kennen sie nicht mehr und Bewerbungen werden dankend abgelehnt, vielleicht geht sogar die Beziehung daran kaputt. Dieses Negativszenario hält viele Menschen davon ab ein wirtschaftliches Wagnis einzugehen und ihre eigenen Geschäftsideen zu verwirklichen. Aber stellen wir uns einmal vor Bill Gates oder die beiden Google-Gründer wären ihrem Ruf nicht gefolgt, wie arm unsere tolle neue digitale Welt ohne Google und Windows wäre, sie würde wohl noch nicht mal existieren. Spätestens dieser Aspekt führt uns auf die makroskopische Ebene.

Die makroskopische Ebene

Egal ob auf persönlicher oder gesamtgesellschaftlicher Ebene, Krisen sind also gleichzeitig Ausgangspunkte für Prosperität und Wohlstand. Eine marktwirtschaftliche Gesellschaft muss also, wie eingangs zitiert, das Eingehen von Risiken belohnen. Vor allem ihre höhere Innovationsfähigkeit hat  sie positiv von einer sozialistischen Weltordnung abgehoben. Denn die wirtschaftliche Innovation zieht irgendwann politische Innovation nach sich, das Internet und seine unbegrenzten Kommunikationsmöglichkeiten sind das beste Beispiel dafür.

Um diese Innovationsfähigkeit zu erhalten muss man das Scheitern gesellschaftlich und rechtlich mit einkalkulieren und dennoch nicht jegliches Lebensrisiko beseitigen. Ein schmaler Grat zwischen Anreiz und Absicherung muss gefunden werden und ordnungspolitisch in einen sicheren Steg verwandelt werden.

Während staatliche Grundsicherung nur die sozialen Unterschiede zementiert und jeglichen Anreiz zur Einkommensverbesserung reduziert stellt das liberale Bürgergeld eine sinnvolle Alternative dar. Wenn der Unterschied zwischen 40h Arbeit und süßen Nichtstun gerade mal 100€ ausmacht kann man niemandem das späte Aufstehen verdenken. Das liberale Bürgergeld fördert den Hinzuverdienst und schafft somit einen Anreiz für die Aufnahme einer Tätigkeit.

Auf der anderen Seite des Risiko steht die Absicherung beim Scheitern: Hier ist es notwendig ein klares Insolvenz- und Gesellschaftsrecht zu schaffen. Haftungsregelungen und die Einführung einer 1-Euro-GmbH würden die Hürden für eine Existenzgründung stark absenken. Kleine Unternehmen stellen die beste Versicherung gegen globale Krisen dar, sie sind weniger vom Weltmarkt abhängig und haben einen deutlich niedrigeren Finanzierungsbedarf. Staatlich gesicherte Risikokapitalgesellschaften bieten auf lange Sicht deutlich bessere Aussichten auf eine stabile Wirtschaftsentwicklung als die Verstaatlichung von Banken und Großunternehmen.

Das Recht auf Scheitern birgt aber auch eine Pflicht zum Scheitern. Es darf dann keine Kompromisse oder Staatseingriffe bei großen insolvenzgefährdeten Unternehmen geben. Diese Beruhigungspillen stehen nur einem moderaten und dringend notwendigen Anpassungsprozess im Weg.  Wenn durch Staatseingriffe Konflikte vermieden werden kann daraus kein Wachstum entstehen, die weniger produktiven Strukturen werden dann nur auf Kosten aller gestützt, die Marktwirtschaft verliert ihre größte Stärke, die Innovationsfähigkeit. Und auch die Inkaufnahme schlechter Renditen rächt sich langfristig, schließlich fehlt das eine Prozent dann im nächsten Jahr wieder bei der Zinseszinsberechnung. 

Die Politik sollte sich also auf zwei Dinge beschränken: Gleiche Starchancen durch umfassende Bildung für alle und eine zweite Chance falls sich etwas mal nicht erwartungsgemäß entwickeln sollte. Dann wird aus der Krise eine Chance zum Wachstum.

Wenn Risiko belohnt wird dann hat man auch den Mut zum Scheitern. Für mich persönlich hat sich das Scheitern auf jeden Fall gelohnt! Dadurch habe ich meine jetzige Partnerin kennengelernt und wir erwarten freudig unser erste Kind in den nächsten Tagen!

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Stefan Lorenz
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